Heribert Schiedel
Formen des Vergessens: Von der Leugnung über die Relativierung zur Desavouierung

Die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen, die nicht nur im Namen eines Kollektivs begangen wurden, stehen bis heute der Identifikation mit diesem Kollektiv im Wege. Darum sind es vor allem NationalistInnen, die versuchen, die Barbarei zu leugnen oder zu verkleinern, „um nicht der Möglichkeit jener Identifikation verlustig zu gehen" (Adorno). Zu ihnen gesellten sich bald die FeindInnen des jüdischen Staates, die über die Leugnung der Shoah Israel eine Existenzgrundlage entziehen wollen. Die plumpe Holocaustleugnung ist heute dem arabischen Nationalismus und Islamismus zur zentralen Doktrin geworden, während sie in Mitteleuropa weitgehend auf Neonazi-Zirkel beschränkt ist. Weit über diese Zirkel hinaus setzen sich jedoch in unseren Breiten weichere Formen des „Revisionismus“ in herrschenden Diskursen fest: Mit der Rede vom „Bombenkrieg“ und den „Vertreibungsverbrechen“ wird versucht aufzurechnen, was nicht aufzurechnen ist. Und es war immerhin ein Lehrender an einer Landesverteidigungsakademie, der vor einiger Zeit den nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zum „Präventivkrieg“ erklärte. Schließlich ist es der sich permanent verstärkende Zwang zur Bejahung der schlechten Wirklichkeit, welcher auch Folgen für die Erinnerung hat. Eine Erinnerung an das Leiden und nicht unter dem Zwang des Positiven und Ganzen stehend: Sie macht utopiefähig, wie Ernst Bloch betonte. Darum kämpfen die ApologetInnen des status quo zu aller erst gegen die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen. Und von daher ist es kein Zufall, dass Rudolf Burger seine Wendung zum schwarz-blauen Hausphilosophen mit einem „Appell für das Vergessen“ eingeleutet hat. Vortrag und Diskussion über den „Revisionismus“, sekundären Antisemitismus und das Erinnerungsverbot von/mit Heribert Schiedel

Heribert Schiedel ist Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, Arbeitsschwerpunkt: Rechtsextremismus, Antisemitismus, Revisionismus.